Eurovelo 15 Tag 10 – Königsetappe
Die geplante Strecke führt – zumindest in Belgien – stets an Flüssen und Flüsschen entlang. Zuerst ist es die Ourthe, die wir seit Lüttich kennen. In Pont-de-Scay verlassen wir sie und folgen den vielen, tief eingeschnittenen Schleifen der Ambleve bis Targnon. Ab da ist die La Lienne unser Begleiter. In Pont des Chailles trennen sich schließlich unsere Wege. Mit jedem Wechsel werden die Flüsse, die uns stets eine frische Brise zufächeln, was die Hitze ertragbar macht, kleiner, die Täler enger.
Das Ganze hört sich an wie ein Sonntagsausflug. Leider ist dem nicht so. Bislang glaubte ich, Belgien und Luxemburg seien mehr oder minder flach mit geringer Höhe. Für die Etappen von Rotterdam über Mol nach Lüttich mag das noch stimmen, wenngleich man vor Lüttich die ersten größeren Steigungen nehmen muss, um dann in rasender Fahrt wieder hinunter an die Maas zu fahren. Die Maas durchfließt Lüttich auf circa 70 Meter Höhe. Targnon, das wir nach circa eineinhalb Stunden erreichen, liegt bereits auf 225 Meter und nach vier Stunden erreichen wir Lierneux auf über 400 Meter. Wir decken uns im Carrefour mit Proviant ein, teilladen einen unserer Akkus im Rathaus und machen währenddessen eine Pause. 79 Kilometer, also zwei Drittel haben wir bereits geschafft.
An sich sind 330 Höhenmeter auf 79 Kilometer nichts besonderes. Aber die Strecke ist ein ständiges Auf und Ab und wir jammern jedem mühsam gewonnenen Meter nach, den wir auf einer Abfahrt wieder verlieren. Raus aus Lierneux geht es wieder steil bergab, um anschließend vier lange Kilometer wieder stetig hinauf zu gehen. Plötzlich sollen wir in einen grobschottrigen Weg abbiegen, was überrascht, denn das hatten wir bislang so gut wie nie. Ich befrage Bikerouter, der mir erklärt, dass die Alternative auf der Straße hinab(!) nach Goronne führt, und danach wieder steil hinauf. So bleiben wir auf dem Schotterweg, der zweifellos das kleinere Übel ist. Danach folgen wir eine Weile der Salm, französisch Le Glain, bevor wir nach 104 gefahrenen Kilometer die belgisch-luxemburgische Grenze erreichen.
Genau auf der Grenze liegt das Dörfchen Schmëtt oder auch Schmiede. Im Grunde ist der Ort nur ein gigantisches Einkaufszentrum mit zahlreichen Tankstellen (Diesel kostet hier circa 50 Cent weniger), einem Aldi und einem Lidl, der deutlich größer ist als was wir in Deutschland gewohnt sind. Er ist unser Ziel, denn die Restladung der Akkus reicht nicht mehr bis Heinerscheid. Laut der App E-Station, eine Empfehlung der Radler, die wir in Oberwesel trafen, soll es hier eine E-Bike-Ladestation geben. Im Erdgeschoss parken die Autos. Doch alles suchen hilft nicht. So begebe ich mich in den ersten Stock, wo der eigentliche Supermarkt zu finden ist, und entdecke vor dem Eingang eine Steckdose, die ich sofort okkupiere. Danach frage ich im Supermarkt einen Mitarbeiter nach der Ladestation und erhalte die Antwort: „Die hatten wir mal.“ Das Laden an der Steckdose geht aber in Ordnung.
Danach nehmen wir die letzten zwölf Kilometer in Angriff. Wieder ist es ein ständiges auf und Ab. Hinauf versuchen wir so wenig Akkuleistung abzurufen wie möglich, hinab geben wir Gas, als könnten wir die dadurch die Strecke verkürzen. Die N7 und später die E421 sind stark befahren, aber sehr übersichtlich. Nach nur einer halben Stunden erreichen wir gegen 19 Uhr endlich Heinerscheid und das Hotel Cornelyshaff, wo man schon auf uns wartet.
Das Bambuk bekommt einen Platz im Haus und wir anschließend ein leckeres Menü und süffiges Bier von der hauseigenen Brauerei. Heinerscheid liegt übrigens auf 515 Meter Höhe.




